Die beste Entscheidung meines Lebens. Als ich mich entschied nach Ungarn zu ziehen, haben mich alle bemitleidet. Jetzt lebe ich seit 2015 hier und habe es noch keine Sekunde bereut. Mit meiner kleinen Rente lebe ich hier wie ein Fürst. Hier habe ich nicht nur ein Haus, ich habe auch zwei Hunde, zwei Enten und vier Hühner. Wer hätte einmal gedacht, dass ich einmal ein Ausländer sein werde? Nun bin ich es und, welch Wunder, ich werde überall akzeptiert. Hier habe ich alles was ich brauche und noch viel mehr. Zuerst einmal die Vorteile. Für Rentner keine Steuern, gratis öV ab 65 und hilfsbereite Leute. Nachteile: schwere Sprache.
Hier kann ich endlich ich sein. Ohne abstruse Vorschriften, die jeder zu umschiffen sucht. In der Schweiz war alles geregelt. Das hatte auch sein Gutes. Die Rechtssicherheit ist unübertrefflich. Wenn einer einmal genug Geld hatte, war vieles noch einfacher. Nicht dass Korruption ein Problem wäre, aber es half schon, wenn man Kohle hatte. Man liess die kleinen klein sein und die Grossen liess man machen. Ich könnte zwar in der Schweiz nicht zurecht kommen mit meiner Rente, doch die Schweiz hat mir das Leben hier erst ermöglicht. Meine Rente ist höher als das Durchschnittseinkommen eines Ungaren.
Ein paar Freunde habe ich auch gefunden. Meine zwei Hunde, einer zugelaufen, halten mich in Atem. Das Eine oder Andere Mal gehen sie mir im Tandem auf den Sack aber nicht haben möchte ich sie nicht..
Hier ist alles anders. Als ich Anfangs hierher kam, konnte ich es nicht glauben. Niemand erklärte mir die Welt. Niemand machte mir Vorschriften. Man liess mich einfach leben. Immer am Sonntag ist, alternierend in vier Orten. Markt. Da gibt es nichts, was es nicht gibt. Klamotten, Spielzeuge, Lampen und Leuchter, Früchte, Gemüse, Pflanzen, Teile für den Traktor und Kleintiere. Ein Bauernmarkt. Es gibt einfach alles. Ein kunterbuntes Chaos wo man nur „normale“ Leute sieht. Ab 12.00 werden die Stände abgeräumt und am Montag würde niemand glauben, dass am Sonntag Markt war.
Am meisten hat mich beeindruckt, dass eigentlich nirgends Graffiti zu sehen ist. Keine, von Vollidioten, vollgesprayte Hausmauern. Es ist sehr sauber hier. Allerdings gibt es auch hier Leute die ihren Abfall im Wald entsorgen. Dieser wird aber immer wieder von der Gemeinde entsorgt. Ab und zu sieht man einfach abgestellte Autowracks. Da frage ich mich warum die Absteller nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Das Kontrollschildsystem für Autos ist eine Katastrophe. In der Schweiz gehört das Nummernschild zum Halter. Hier gehört es zum Fahrzeug. Viele Autos fahren ohne Versicherung. Nicht schön. Speziell wenn man in einen Unfall mit einem solchen Fahrzeug verwickelt wird. In der Schweiz muss man einen Versicherungsnachweis zum Strassenverkehrsamt bringen, der Ausweis wird umgeschrieben auf den neuen Halter, die bestehende Nummern wird an das im Ausweis vermerkte Auto gehängt und fertig. Wenn nun die Versicherung nicht bezahlt wurde, kommt die „Rennleitung“ (Polizei) und holt die Nummer. Dann ist fertig gefahren Ohne wenn und aber. Stell mal deine olle Karre in den Wald. Dann wird anhand der Fahrzeugdaten der letzte Halter gesucht und dann — gute Nacht. Dann wird’s teuer So ein System sollte man auf der ganzen Welt einführen. Dann wäre sofort Ruhe.
Aber zurück nach Ungarn. Orban, der Ministerpräsident, ist nicht unbedingt mein Fall, aber er geht mich nur bedinfgt etwas an. So lebe ich friedlich und unbehelligt vor mich hin. Ich gehe mit meinen Hunden im Wald spazieren und, da es hier nicht so Übervölkert ist, habe meinen Frieden. Jedenfalls würde ich das Land nur schweren Herzens wieder verlassen. So viele Freiheiten hatte ich noch nie und mir ist ein Rätsel, warum es Leute gibt, die sagen Ungarn — nein danke. Vermutlich kennen sie weder das Land, noch seine Einwohner.
Ungarn hat, was das Internet angeht, alles was man sich wünschen kann. In jedem Kaff Internetanbindung und was das Einzahlen mit QR-Code angeht können andere Länder nur träumen. Ich bin noch nicht oft auf der Post zum einzahlen gewesen. Die hatten das schon vor zehn Jahren und versuchen alles umzusetzen, was das Leben leichter macht. An jeder Kasse kann ich virtuell bezahlen. Ich brauche kein Bargeld.
Jetzt ist Orban weg und ich habe grosse Hoffnungen, dass es der Korruption an den Kragen geht. Korruption ist eines der grossen Übel. Im Unterschied zu Osteuropa ist sie hier einfach offensichtlicher. Selbst habe ich sie noch nicht erlebt. Es kann also nicht so schlimm sein. Das Land ist schön und kommt meinem Lebensstil entgegen. Warm und wenig Schnee.
Ich habe mich noch nie so wohl gefühlt. Die Mehrwertsteuer ist hoch, hat aber den Vorteil, dass sie das Verursacherprinzip unterstützt. Wer viel kauft zahlt viel MwSt.
